Gerold Tietz
Gerold Tietz.
Schriftsteller.
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Schriftsteller.

Gerold Tietz: Interview & Autorenporträt


I
nterview mit dem Schriftsteller Gerold Tietz, geführt von Ulrike Rapp-Hirrlinter, Juni 2005

Gerold Tietz - Schriftsteller


Anschreiben gegen zementierte Vorurteile

Der Esslinger Autor Gerold Tietz entwirft ein differenziertes Bild des Zusammenlebens von Tschechen, Juden und Deutschen Seine böhmischen Dörfer sind ihm ans Herz gewachsen. Und doch geht es dem Esslinger Autor Gerold Tietz - 1941 in Böhmen geboren und 1945 mit seiner Familie vertrieben - darum, in seinen Erzählungen und Romanen ein differenziertes Bild vom Zusammenleben von Tschechen, Juden und Deutschen, von Flucht, Vertreibung und gegenseitigem Unrecht zu zeichnen. Sein Roman 'Böhmische Fuge' von 1997 erfährt jetzt eine Neuauflage im Karlsruher Info-Verlag in der Reihe Lindemanns Bibliothek. Im Herbst erscheint dort Tietz' neuer Roman 'Große Zeiten - Kleines Glück'. Im Interview schildert der promovierte Historiker unter anderem, warum ihn seine böhmischen Dörfer nicht loslassen.

Frage: Ihre 'Böhmische Fuge' wird jetzt ins Tschechische übersetzt. Was bedeutet dies für Sie?

Gerold Tietz: Ich freue mich, dass Sudetendeutsche und Tschechen endlich bereit sind, einander zuzuhören und sich ihre Geschichten zu erzählen. So können sie auch ihre gegeseitigen Ängste und Verletzungen besser verstehen. Dann werden sie sich nicht mehr fremd oder feindlich gegenüber stehen, sondern sich als Nachbarn begreifen, die viel mehr Gemeinsames als Trennendes haben.

Frage: Ist dies für Sie auch Signal einer politisch-gesellschaftlichen Stimmungsänderung?

Gerold Tietz: Ich war überrascht, wie positiv die Studenten an der mährischen Unviersität Olomouc bei einer Lesung auf meine Texte reagiert haben. Heute kann man viel leichter über gegenseitige Vorurteile und Ressentiments sprechen. Ich glaube, diese Studenten haben verstanden, dass die 'Böhmische Fuge' ein Echo ist auf die Stimme von Vaclav Havel, der sagte: "Wenn wir nicht aufhören, uns gegenseitig nur Rechnungen zu schicken, kommen wir alle in die Hölle."

Frage: Auch eine Neuauflage auf Deutsch wird demnächst erscheinen. Wie zeitgemäß ist das Thema heute noch?

Gerold Tietz: Als das Buch 1997 herauskam, wurde es kaum wahrgenommen. Offenbar war die Zeit noch nicht reif dafür. Heute dagegen sind Flucht und Vertreibung, Bombenkrieg und Kriegskinder Gegenstand der Diskussionen und der Literatur. Die 'Böhmische Fuge' beschränkt sich nicht darauf, das große Trauma der Sudetendeutschen, die Vertreibung, darzustellen, sondern geht auch auf die Verletzungen und Ängste der Tschechen ein. In einer Zeit, in der ethnische Vertreibungen fast auf der Tagesordnung stehen, ist dieses Buch aktueller denn je.

Frage: Das Zusammenleben von Tschechen, Juden und Deutschen zwischen den beiden Weltkriegen lässt Sie nicht los. Ihr neuer Roman 'Große Zeiten - Kleines Glück' handelt wieder davon. Worum geht es darin?

Gerold Tietz: Es ist die Geschichte einer jungen Frau in Prag in der Zwischenkriegszeit. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen ändert sich ihr ganzes Leben. Alle menschlichen Beziehungen werden auf die Probe gestellt. Das jahrhundertealte Miteinander von Tschechen, Juden und Deutschen wird mehr und mehr zum Gegeneinander.

Frage: Wie spielt Ihre eigene Biografie in Ihr Werk hinein?

Gerold Tietz: Ich bin selbst in Horka, einem nordböhmischen Dorf geboren. Nach der Vertreibung wechselte ich vom böhmischen Meer zum Chiemsee. Dort wurde ich als 'Saupreuß' gehandelt, an der Donau in Württemberg dann als 'Reingeschmeckter' und 'Polack'. So bin ich im sudetendeutschen Milieu aufgewachsen und habe die Geschichten, die ich gehört habe, gesammelt. Ergiebig waren in dieser Beziehung vor allem die Sudetendeutschen Tage, eine Mischung von Volksgruppenparteitag, Stammtisch und Heiratsmarkt.

Frage: Viele Vertriebene idealisieren ihre Heimat. Welchen Weg gehen Sie im Umgang mit Ihren 'Böhmischen Dörfern'?

Gerold Tietz: Böhmische Dörfer sind für mich keine Postkartenbilder, umkränzt von Lindenblättern und Eichenlaub, sondern magische Orte, wo man das menschliche Zusammenleben modellhaft sichtbar machen kann. So vernagelt das böhmische Dorf manchmal auch aussehen mag, so scheint doch durch seine Bretterzäune die ganze Welt hindurch. Die universellen Fragen menschlichen Handelns, die Absurditäten und die Paradoxa des Lebens lassen sich im Lokalen besonders gut darstellen.

Frage: Die Vertriebenenverbände waren Ihnen nicht immer grün. Hat sich das geändert?

Gerold Tietz: In den 50er Jahren bin ich in einer Art sudetendeutscher Wagenburg aufgewachsen. Da wurde die Welt eingeteilt in Sudetendeutsche und Nicht-Sudetendeutsche. Da gab es nur die guten Deutschen und die bösen Tschechen. Als ich dann eine waschechte Alemannin geheiratet habe, galt das ja fast als 'Rassenschande'. In meiner Familie wurde nur immer von dem Unrecht gesprochen, das man selbst erlitten hatte. Vom KZ Theresienstadt oder dem Massenmord von Lidice war nie die Rede. Mir reichte dies nie aus. Ich wollte ein differenziertes Bild der deutsch-tschechischen Realität entwerfen. Ich habe schon früh zu meinen tschechischen Verwandten und polnischen und tschechischen Studenten Kontakt gesucht. Das wurde lange als Nestbeschmutzung gewertet. Heutet hat sich dies jedoch glücklicherweise weitgehend geändert.

Frage: In Ihren 'Satiralien' machen Sie Lust auf Unbotmäßigkeit und Unangepasstheit. Schwimmen Sie gerne gegen den Strom?

Gerold Tietz: Ich glaube, gegen den Strrom zu schwimmen ist für einen Schreibenden die einzig mögliche Richtung. Schon als Schüler und Student habe ich so viele Halbwahrheiten und Lügen aufgetischt bekommen, dass ich mich damit einfach auseinandersetzen musste. Wer mit dem Fragen und Hinterfragen anfängt, der kann nicht so schnell damit aufhören. Er muss genau hinsehen und wird rasch feststellen, dass das Wegsehen, Verdrängen und Beschönigen oft das Verhalten der Menschen bestimmt - besonders dann, wenn sie unter Druck geraten. Nur wenn man sich dem Strom der Anpssung widersetzt, lässt sich ein eigener Handlungsspielraum gewinnen.

[das Interview führte Ulrike Rapp-Hirrlinger, Pressebüro Rapp-Hirrlinger, 29.6.2005]





A
utorenportrait Gerold Tietz:

"Zwischen den Stühlen lässt es sich gut schreiben Seine böhmischen Dörfer lassen den Esslinger Autor Gerold Tietz nicht los

'Leicht rebellisch', sagt Gerold Tietz von sich selbst, sei er schon immer gewesen. Politisch interessiert und engagiert, konnte er es nicht ertragen, dass über die wirklichen Zustände in seinem Geburtsland, dem heutigen Tschechien, 'so viel gelogen, vertuscht und verschwiegen wurde'. Als Sudentendeutscher wurde der 1941 in Horka geborene Autor mit seiner Familie aus Böhmen vertrieben, kam nach Jahren in Bayern schließlich nach Wurmlingen. Nach dem Abitur in Tuttlingen studierte Gerold Tietz Geschichte, Politik und Französisch, bevor der promovierte Historiker 1969 nach Esslingen zog, wo er bis heute mit seiner Frau, der Schriftstellerin Anne Birk, lebt. Mehr als 30 Jahre unterrichtete er am Gymnasium in Wendlingen.
In all dieser Zeit ließen ihn seine 'böhmischen Dörfer' nicht los: 'Je weiter ich mich von ihnen entfernte, umso mehr rückten sie mir zu Leibe.' Das Schreiben darüber war unvermeidlich. 'Die Geschichte der Vertreibung wurde zurechtgebogen, jede Seite beanspruchte die Wahrheit für sich.' Das schiefe Bild zurecht zu rücken, war ihm Antrieb. 'Ich will das Thema Heimat und Vertreibung nicht einigen Rechten oder Rechtsradikalen überlassen', sagt Gerold Tietz.
So erschien 1989 der Satirenband 'Satiralien, Berichte aus Beerita' (Alkyon Verlag), 1997 folgte im gleichen Verlag der Roman 'Böhmische Fuge', der vor kurzem neu aufgelegt und zudem ins Tschechische übersetzt wurde. Sein jüngster Roman 'Große Zeiten - Kleines Glück' ist jetzt im Info Verlag (Lindemanns Bibliothek) erschienen. Weil er über einen Raum schreibt, den er selbst nicht bewusst erlebt hat, sammelt Gerold Tietz akribisch Fakten, Daten, Erlebnisse. Berichte von Zeitzeugen, Briefe oder Zeitungsnotizen, aber auch Autobiografisches werden so zu einem dichten Bild einer zerstörten Kultur verwoben. Nicht das Eindeutige, Glatte, die Widersprüche interessieren Gerold Tietz: 'Ich will das schreiben, was in den Geschichtsbüchern nicht steht', sagt der Autor. Es gelte, die Vertreibung in einen Gesamtzusammenhang zu stellen. Das friedliche Miteinander von Deutschen, Tschechen und Juden steht im Zentrum seiner Werke: 'Die ganze böhmische Kultur wäre ohne diese Verflechtung nicht zu verstehen.' Und so dient ihm das Schreiben auch als Annäherung an eine verlorene Heimat, ist ein Herantasten an abgeschnittene Wurzeln - ohne Pathos oder Heimattümelei, dafür mit einem guten Schuss Ironie und Satire und dem kritischen Auge des Historikers.
Und doch hat Gerold Tietz immer die Menschen im Blick. Er zeigt, wie die Politik ins Privatleben von Menschen einbricht, ihr Zusammenleben wie auch sie selbst verändert und menschliche Beziehungen zerstört. Private Verwicklungen mischen sich mit politischen Verstrickungen.
Politisch hat sich Gerold Tietz schon früh engagiert, als Schüler und Student, später in Gewerkschaft, Kreisjugendring, als SPD-Gemeinderat und in Ausländervereinen. 'Ich bin auch einer, der nicht richtig dazugehört', sagt er, um gleich hinzuzufügen: 'Zwischen den Stühlen fühle ich mich wohl. Das ist für einen Schreibenden der angemessene Platz.'"

[Ulrike Rapp-Hirrlinger, Pressebüro Rapp-Hirrlinger, 22.9.2005]




Gerold Tietz
Zeit für ein gutes Buch! (16:08 Uhr, 29.06.2017)