Gerold Tietz
Gerold Tietz.
Schriftsteller.
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Gerold Tietz
Gerold Tietz


Gerold Tietz.
Schriftsteller.

Literaturwissenschaftliche Stimmen zu Gerold Tietz

Hier geht es zu den Einleitungen der literaturwissenschaftlichen Beiträge von




K. Kovačková



Zusammenfassung (ROGEON Verlag):

Die junge, selbst aus Böhmen stammende Autorin, Frau Mgr. Kateřina Kovačková, die derzeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Fach Neuere Deutsche Literatur promoviert, analysiert in ihrem Beitrag das literarische Werk von Gerold Tietz – und sein Lebensgefühl 'zwischen allen Stühlen zu sitzen'; einem – wie er selbst sagte – angemessenen Platz für einen Schriftsteller. Auf der Basis eines ausführlichen persönlichen Gesprächs mit Gerold Tietz (noch kurz vor seinem Tod) und der aufmerksamen Lektüre seiner Werke sowie einem fundierten Hintergrundwissen über Literatur und Geschichte gelingt der Autorin die bis dato zweifellos beste und tiefgreifendste Arbeit über Tietz' Werk. Letzterem Umstand hätte der Autor selbst eine enorme Wichtigkeit beigemessen, zumal er zu Lebzeiten zum Ausdruck brachte, dass gerade das Nichtwissen über die Geschichte ein fundamentales Problem der Menschheit darstelle, ein Nichtwissen, welches ein wichtiges Lernen verhindere und somit zu einem Wiederholen von folgeschweren Fehlern führen würde.

Kateřina Kovačková legt in ihrem literaturwissenschaftlichen Artikel u.a. dar, warum es sich bei Tietz' Büchern um einen Vertreibungstext an der Grenze von der ersten zur zweiten (Nachfolge-) Generation handelt, und wie Tietz stets 'typisch-böhmisch' bestrebt sei, sich aus möglichst vielen Perspektiven dem Darzustellenden zu nähern – zumeist mit einem guten Schuss böhmischer Ironie. Wichtig war dem Autor nach Recherchen der Autorin dabei stets, dass sein satirischer Erzählansatz niemals die Intention gehabt hätte, spottend über andere zu richten, sondern dass er vielmehr ein Stilmittel sei, um die breite Farbskala zwischen einem simplifizierenden Schwarz und Weiß zum Schillern zu bringen.

Die Analyse von Kateřina Kovačková legt offen, wie nach Tietz' Auffassung die großen geschichtlichen Ereignisse einen Rattenschwanz von kleinen Ereignissen hinter sich herziehen würden, und wie Tietz gerade die Auswirkungen letzterer im Leben der einfachen Menschen beschreibe. Auf diese Weise würden seine Bücher einerseits authentisch, andererseits multiperspektivisch und befreit von einseitiger Subjektivität und Pathos – und frei von Selbstmitleid. Die historischen Tatsachen scheinen dadurch – obgleich akribisch recherchiert – eine marginale Nebenrolle bei Tietz einzunehmen. Auf diese Weise würde er in seinen Romanen viel ansprechen und zugleich wenig verschweigen. Kateřina Kovačková stellt in ihrem Beitrag unter anderem heraus, dass der Autor trotz der Zusammensetzung aus einzelnen Episoden, die anekdotisch aneinandergereiht sind, niemals den roten Faden verliere, so dass sich die erzählte Geschichte zu einem abgerundeten Ganzen füge. Ihrer Meinung nach ist der Leser gut beraten, zumindest ein partielles geschichtliches Wissen zu besitzen, weil sich die Lektüre von Tietz' Büchern, die voll von vielschichtigen kulturellen, politischen und historischen Anspielungen sind, sonst schwierig und nur unvollständig erschließen lässt.

Die Autorin des Beitrags geht bisweilen ungewöhnlich weit und tief, wodurch der Leser ihres Artikels beispielsweise lernt, das Tietz' Drang, stets auch die andere Seite der Münze zu erschließen, von jeher so stark gewesen sei, dass er die autobiographisch geprägte Roman-Figur Gernot in Kinderschuhen bereits die Honigbrote umdrehen ließ – womit Tietz zugleich der böhmischen Eigenart Rechnung tragen würde, die Dinge immer wieder kritisch auf den Kopf zu stellen. In vergleichbarer Weise erörtert die Autorin die – aufgrund aller impliziten, automatischen Assoziationen – abgeneigte Haltung von Gerold Tietz dem Wort 'sudetendeutsch' gegenüber. Er habe den Begriff 'deutsch-böhmisch' bevorzugt, welcher keine schlammig-braune Spur hinter sich her ziehe. Und man erfährt auch, dass der Heimatbegriff von Tietz mehr geprägt sei durch die geliebten Menschen als durch einen bestimmten Ort, eine Stadt, eine Landschaft oder ein Haus; und so verwundere es auch nicht, dass er es in diesem Zusammenhang mit Václav Havel hielt, der einmal sagte „Die Heimat kann ein dumpfes Loch sein, oder sie kann ein Sprungbrett bedeuten.“

Ein wertvolles Verdienst des Beitrags von der jungen Germanistin Kateřina Kovačková ist nicht zuletzt der Brückenschlag zur Gegenwart, insbesondere zur Herausforderung der 'Migration' – ein Brückenschlag über den zeitlichen wie auch den geographischen Tellerrand hinaus; ein Schritt welchen die 'älteren sudetendeutschen Vertreter' allzu oft vermissen lassen. Gerade dieser durch Kateřina Kovačková geschaffene Mehrwert dürfte dem Schriftsteller Gerold Tietz gesellschaftlich besonders wichtig gewesen kein. Die Autorin hat damit einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, das zentrale Anliegen von Tietz' über seinen Tod hinaus am Leben zu halten und Früchte tragen zu lassen.

ROGEON Verlag





A. Knechtel



Zusammenfassung (ROGEON Verlag):

Anna Knechtels Rezension des 'Böhmischen Richtfests' - welche teilweise auch auf die vorangegangenen Werke wie die 'Böhmische Fuge' eingeht - erörtert insbesondere wie sich Tietz' Text von gewohnten Mustern der vorherrschenden sudetendeutschen Vertriebenenliteratur unterscheidet. Entscheidend hierbei ist nach Meinung der Autorin Tietz' Drang zur differenzierten Wahrheitsfindung, bei welcher er auf die sonst weitverbreiteten - zu einfachen und zu einseitigen - Schuldzuweisungen und Verurteilungen verzichtet. Tietz' Anliegen ist dabei nicht der erlittene eigene Verlust, sondern vielmehr die Intention, entstandene Gräben zwischen Tschechen, Juden und Deutschen wieder zuzuschütten.

Der Beitrag von Anna Knechtel beschäftigt sich dabei u.a. mit der Frage der geänderten Erzählperspektive im Vergleich zum vorangegangenen Roman, als auch mit der von Tietz in Frage gestellten verkrusteten Gruppenidentität der Sudetendeutschen. Inhaltlich geht Anna Knechtel auf die Schwerpunkte einzelner Kapitel ein, stilistisch auf Tietz' Fabulierfreudigkeit wie auch seine surrealistischen und teilweise sogar absurden Stilanlehnungen an die moderne französische Literatur. Die Autorin analysiert die Rolle des historischen Kontexts bei Tietz ebenso wie die Rolle des Autobiographischen. Sie stellt die Frage der Zielgruppe des 'Böhmischen Richtfests', und sie geht ein auf Tietz' bewusste Parallelisierung der 68er-Bewegungen im Westen (Paris) und dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei. Schließlich stellt sie am Beispiel der Romanhauptfigur und seiner Mutter heraus, wie der Verlust der Heimat einen lebenslangen Schatten wirft, aber auch wie der Zeitpunkt kommt, an dem Aufrechnung und Verurteilung ein Ende nehmen.

Über die Autorin: Anna Knechtel M.A., geboren 1959 in Wiesbaden, Studium der Germanistik und Slavistik in Mainz, Berlin, Neapel und Prag mit dem Schwerpunkt tschechische Literatur der 60er und 70er Jahre. Tätigkeit als Tschechisch- und Deutsch-Lehrerin in Berlin und Prag, als Journalistin in Prag bei „Radio Praha“, dem Auslandssender des Tschechischen Rundfunks, und als Fachreferentin beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds in Prag. Übersetzungen, publizistische Arbeiten zu kulturellen und landeskundlichen Themen. Seit April 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Adalbert Stifter Verein.

ROGEON Verlag





H. Schmidt-Kaspar



Zusammenfassung (ROGEON Verlag):

Herbert Schmidt-Kaspars Rezensionen basieren auf seiner sehr guten Kenntnis von Métier und geschichtlich-geographischem Hintergrund. Selbst Schriftsteller und in Böhmen aufgewachsen setzt er sich mit den Werken von Gerold Tietz sehr eindrücklich auseinander.

Die Rezension von Herbert Schmidt-Kaspar zu 'Böhmische Fuge' und 'Große Zeiten Kleines Glück' beschäftigt sich zunächst mit der Frage der (Nicht-) Zuordnung des Autors zur Erlebnisgeneration, und geht hernach lobend auf die authentische Darstellung aller relevanten Umstände ein - nicht ohne zu erwähnen, dass diese Welt, die hätte seine (Tietz') sein können, durch den zerstörerischen Größenwahn und Hochmut der Deutschen als auch den kalten Hass der Tschechen schließlich unterging. Ob Familiengeschichte im einen Werk oder Liebesgeschichte im anderen, so Schmidt-Kaspar, es trete jeweils unweigerlich der Subtext des Untergangs jener Welt hervor, in welcher die Hauptfiguren der Romane einmal lebten. Dabei würde Tietz stets auch den eigenen Schuldanteil dieser Personen augenscheinlich werden lassen. Schmidt-Kaspar schließt mit der Erkenntnis, dass wenn es eine Welt, so wie sie sich in jenem Dorf, in jenem Prag verwirklichte, heute nicht mehr gäbe, dass es dann ein Glücksfall sei, wenn einer käme und sie in seinen Büchern, in seiner Sprache noch einmal entstehen ließe. Genau dies sei Literatur.

Die anschließende Rezension zu 'Böhmisches Richtfest' nimmt Bezug auf die darin geschilderten Zeitläufte in sechs Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts - in welchen die Vertriebenen keine „neue Heimat“ i.e.S. finden weil sie in ihrem Denken, Tun und Sein auch nach all der Zeit in ihrem böhmischen Dorf verhaftet bleiben. Schmidt-Kaspar weist dabei ausdrücklich darauf hin, dass Tietz' Werk weder Heimweh- oder Nostalgie-Roman, noch ein Roman über die Vertreibung, und auch kein ins zwanzigste Jahrhundert transponierter Entwicklungsroman ist. Und schließlich hebt der Rezensent den kritischen Umgang von Tietz mit jenen hervor, die sich durch fragwürdige Erinnerungslücken und Verdrängungskünste hervortun.

Über den Autor: Herbert Schmidt-Kaspar wurde 1929 in Reichenberg in Nordböhmen geboren; er lebte seit 1945 in Bayern; er studierte Deutsch, Geschichte und Englisch in Regensburg und München; er war als Lehrer in Niederbayern, München als auch in Beirut (Libanon) tätig; als Schriftsteller wurde er u.a. mit dem Sudetendeutschen Kulturpreis für Literatur ausgezeichnet.

ROGEON Verlag





J. Polakova



Zusammenfassung (ROGEON Verlag):

Jenny Polakova setzt sich in Ihren Rezensionen für 'Böhmische Fuge', 'Große Zeiten Kleines Glück' sowie 'Böhmisches Richtfest' sehr ausführlich mit diesen Werken auseinander.

Sie geht dabei zunächst auf die Parallelen der Böhmischen Fuge mit jenen Romanen ein, die vor allem aus der Perspektive der Personen geschrieben sind, welche von diesen Ereignissen unmittelbar betroffen sind, wobei sich insbesondere die Motive der verlorenen Identität, der geistigen und menschlichen Werte, und des Verlustes der Heimat und Kultur ähnelten.

Jenny Polakova fällt insbesondere ins Auge wie sehr Tietz immer wieder die differenzierte Sichtweise auf alles herausarbeite - denn alles habe zwei Seiten, alles müsse aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Folgerichtig wären die geschilderten Lebensläufe voller Gegensätze und Wendungen, und selbst Sachen und Gegenstände hätten ihre eigene gegensätzliche Symbolkraft. Und so verwundert Polakova auch der Titel des Buches nicht, zumal die Fuge in der Musik den Wechsel eines oder mehrerer Themen nach kontrapunktischen Regeln bedeute, einem Kontrapunkt bestehend aus zwei - oder mehr - Blickwinkeln auf ein und dasselbe Ereignis.

In 'Große Zeiten Kleines Glück' erkennt Jenny Polakova Tietz' fortgesetzte Erzählungsart aus 'Böhmische Fuge', nämlich Ironie, Sarkasmus und eine 'Schweijksche Betrachtungsweise'. Dabei bilde die Beziehung zwischen Rita und Leo den Rahmen einer Erzählung, innerhalb dessen sich so manche Schicksale der Tschechen und Deutschen abspielten, und während dessen die sich verschärfenden Dialoge die sich ändernde politische Lage wiederspiegelten. Polakova führt aus, dass Tietz dem Leser offenbar nicht nur alle Zusammenhänge der Handlung begreiflich machen wolle, sondern ihn auch auf Ausflüge in die Vergangenheit mitnähme, wobei Tietz ein plastisches Bild der Geschichte entfalte, und er die sich im Zeitablauf verändernden Beziehungen zwischen Deutschen, Tschechen und Juden lebensnah zu schildern vermöge.

In Ihrer Rezension zu 'Böhmisches Richtfest' interpetiert Jenny Polakova u.a. zentrale Inhalte ausgehend vom Titel - wie beispielsweise in Bezug auf den "Prager Frühling" 1968 -, als auch vom Titelfoto (der Erstauflage). Polakova schildert bildhaft die literarische Arbeit von Tietz und die Handlung seines Protagonisten Gernot, beispielsweise durch ihren Vergleich zum Bildhauer Auguste Rodin, der gleichfalls Zug um Zug ein kunstvolles Spiel aus Licht und Schatten meißle, oder zum aufmerksamen Zuhörer, der aus all dem Knäuel von Informationen, Geschichten, Sichtweisen und Gegebenheiten einzelne Fäden herausziehen und daraus etwas Neues zu schaffen vermöge.

Über die Autorin: Jenny Polakova arbeitet an der Palacky Universität in Olmütz (Olomouc) an der Fakultät für deutsche Literatur.

ROGEON Verlag





Gerold Tietz
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Zeit für ein gutes Buch! (09:15 Uhr, 15.12.2017)